Von FRANK WEIFFEN, 29.11.06, 21:24h
Das Buch ist laut Weitz der Versuch, die NS-Zeit absichtlich einmal nicht nur aus der Perspektive des Holocaust zu betrachten. „Uns geht es vielmehr darum, den alltäglichen Nationalsozialismus aufzuzeigen. Welche Strukturen, welche Milieus haben sich hier bei uns vor Ort gebildet?“ Bei der Recherche ging die Autorenriege - bis auf zwei kommen alle aus dem Umfeld des Geschichtsvereines - behutsam vor und hatte das ein oder andere Problem zu bewältigen.
Dinge, die sonst selbstverständlich sind, mussten geklärt werden: Welche Personen nenne ich mit vollem Namen? Welche nicht? Manche Daten - so etwa aus dem Altraum Schleiden - waren nur sehr schwer zu bekommen. Und doch: Herausgekommen ist ein beeindruckendes zeitgeschichtliches Dokument, das sich mehr als nur spannend liest: Es bewegt. Es erschreckt. Das Autorenteam hat eine Unmenge an Bildern sprichwörtlich ausgegraben, hat Wahllisten und Krankenakten durchforstet, Statistiken erstellt und eine große Palette an Themen abgedeckt: Vereinsleben, Kirche, Parteiwesen, Zwangsarbeit, Schule, Festkultur - um nur einige zu nennen.
Während der dreijährigen Recherche stellte sich heraus: Die Nazis hatten es schwer, im Kreis Fuß zu fassen. Das lag laut Weitz an der ländlichen Struktur der Region: „Jeder kennt jeden und jeder achtet auf jeden. Und die Kirche mit ihren Werten spielt hier seit jeher eine starke Rolle.“ Den typischen „hässlichen Nazi“ habe es im Kreis ebenso wenig gegeben wie die brutalen Exzesse gegenüber Minderheiten oder Andersdenkenden.
Mitläufertum und
Wegsehen
Der Nationalsozialismus - er habe sich nicht so sehr offen, sondern vielmehr subtil geäußert: im Mitläufertum, Wegsehen, Ignorieren. Weitz: „Das braune Gedankengut wurde vor allem aus den großen Städten hergebracht. Viele kamen aus dem Umfeld des Kölner Gauleiters Josef Grohé oder des Reichsarbeitsdienstleiters Robert Ley. Ohne derlei externe Kaderschmieden wären die Nazis nicht in der Lage gewesen, eine Arbeit zu tun, die über bloßes Rabaukentum hinausging.“ Dennoch - das betont Weitz - gebe es nichts zu verharmlosen: „Wir sind auf genug menschliche Schicksale gestoßen.“ Die sind besonders in einem Kapitel wie dem von Dr. Gabriele Rünger über Rassenhygiene nachzulesen: die Zwangssterilisation zur „Vermeidung erbkranken Nachwuchses“ war demnach in Euskirchen nichts Unbekanntes. Allein in der Heilanstalt Erlenhof wurden zwischen 1934 und 1944 insgesamt 285 Menschen zwangssterilisiert. Zudem führt Rünger Einzelschicksale von „erbkranken Personen“ aus dem Kreis an, die später deportiert wurden.
„Nationalsozialismus im Kreis Euskirchen - Die braune Vergangenheit einer Region“ (2 Bände), Geschichtsverein des Kreises Euskirchen e.V. (Hrsg.), ISBN 3-935221-72-X, 24,90 Euro pro Band.
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